Die Unterems ist einer der am stärksten regulierten Flüsse Deutschlands. Nun hat der World Wide Fund for Nature (WWF) Deutschland gemeinsam mit dem BUND Niedersachsen und dem NABU Niedersachsen ein internationales und interdisziplinäres Forschungsprojekt ins Leben gerufen, um verschiedene Szenarien für die Renaturierung der Unterems zu entwickeln. DHI-WASY unterstützt den Rettungsversuch mit hydromorphologischen Modellierungen.
Zunehmende Industrialisierung, Flußregulierung und Umweltverschmutzung haben in beinahe allen europäischen Flüssen und deren Mündungen ihre Spuren hinterlassen. Die Unterems in Niedersachsen jedoch hat ein ganz besonderes Problem: Sie wird von hochseetauglichen Kreuzfahrtsschiffen befahren, was in regelmäßigen Abständen für großes Aufsehen in Norddeutschlands Tiefebene sorgt.
Die Luxusliner werden in der MeyerWerft etwa 40 km flußaufwärts der Emsmündung gebaut. Um ihre Überführung zur Nordsee zu ermöglichen, muss die Unterems regelmäßig aufgestaut und ausgebaggert werden. Dadurch wandelte sich innerhalb von nur zwei Jahrzehnten ein ökologisch intakter und besonders reichhaltiger Lebensraum in die vielleicht am stärksten vom Menschen veränderte Flußmündung Deutschlands - mit dramatischen Auswirkungen auf das Ökosystem und seine Bewohner: Die Gewässergüte verschlechterte sich um drei Klassen; eine Erhöhung der Strömungsgeschwindigkeit und des Tidehubs führte zum Verlust von Flachwasserzonen, die ein wichtiger Rückzugs- und Fortpflanzungsraum für Vögel und Fische sind; die Konzentration von Schwebstoffen im Wasser erhöhte sich bis um das 10-fache, was besonders im Sommer zu extremem Sauerstoffmangel führt.
Nichtsdestotrotz – die Wiederbelebung der Unterems lohnt sich. Denn ihre Überflutungsflächen sind Teil bedeutender europäischer Vogelschutzgebiete und große Teile des Emsästuars sind ein Natura 2000-Schutzgebiet gemäß der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie.
Die neue Arbeitsgruppe bringt Experten aus verschiedensten Fachbereichen und Ländern an einen Tisch. So will der WWF gemeinsam mit Behörden, Wissenschaftlern, Ingenieuren, Umweltverbänden und Unternehmern neue Szenarien für die Renaturierung der Unterems entwickeln. Ems-Anrainer aus Deutschland und den Niederlanden werden in die Diskussionen mit einbezogen. Auch DHI-WASY beteiligt sich an der Rettungsaktion: Da die Verringerung der Schwebstofffracht eine Voraussetzung für den Erfolg jeglicher Sanierungsmaßnahme ist, unterstützt DHI-WASY mit der numerischen Modellierung der Hydrodynamik und des Sedimenttransports in verschiedenen Restaurierungs-Szenarien die Bewertung möglicher Lösungen.
“Die Modellierung der Unterems ist extrem anspruchsvoll und erfordert modernste Modelltechnik”, erklärt Florian Ladage von DHI-WASY. “Das liegt vor allem an der komplexen Hydrodynamik, die sich aus der starken Assymetrie der Tide und der komplizierten Sedimentdynamik des Gewässers ergibt.”
Vorerst werden drei verschiedene Szenarien vorrangig untersucht: Zwei beschäftigen sich mit der Renaturierung einzelner Abschnitte der Unterems mit Hilfe von Seitenkanälen für die Schiffahrt. Das dritte Szenario stellt eine Renaturierung der Ems unter Beibehaltung der Schifffahrtsnutzung dar, indem neue Retentionsflächen geschaffen und frühere Nebenarme der Ems wiederhergestellt werden. Zudem diskutiert die Arbeitsgruppe einige alternative Szenarien, beispielsweise eine Verlagerung des Wehrs in Herbrum.
“Unser Ziel ist es, die Hydrodynamik so zu beeinflussen, dass die Trübung des Gewässers unter einen kritischen Wert sinkt”, erläutert Ladage. “So könnte der ansässigen Flora und Fauna die Chance gegeben werden, sich zu erholen und die Unterems wieder in ihr ökologisches Gleichgewicht gebracht werden.”
Celebrity Eclipse Überführung am 11.03.2010. Copyright: MeyerWerft Press Kit.